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Büchernachlese-Bestenliste 2018

Gudrun Lerchbaum

Wo Rauch ist

Roman. Argument Verlag mit Ariadne, Hamburg 2018. 285 Seiten. 13,00 Euro. ISBN: 978-3-86754-233-3, >>> Amazon

Olga hat MS und ringt in ihrer Wiener Wohnung mit einem zunehmend unkooperativen Körper, der sich meist nur noch mit dem Rollstuhl bewegen lässt. Und das ihr, die einst als Aktivistin dem Establishment trotzte. Doch als sie vom Tod ihres Ex-Mannes erfährt, fährt sie wieder ihre Stacheln aus: Can Toprak war ein investigativer Journalist, zudem ein Frauenheld und ein Energiebündel - niemals hätte er sich umgebracht. Noch dazu bei dem immer folgenreicheren politischen Rechtsdrall Wiens, dem er stets etwas entgegenzusetzen suchte. Früher gemeinsam mit Olga. Dass er sie mit den zunehmenden MS-Symptomen zwei Jahre zuvor verlassen hat - geschenkt! Jetzt braucht sie Verbündete, um der Sache nachzugehen und herauszufinden, wem sein Tod genutzt haben könnte. Ob ein harmoniesüchtiger Grabredner und eine psychisch instabile Straftäterin dafür die richtigen sind, muss sich erst noch erweisen
Mit "Wo Rauch ist" legt Gudrun Lerchbaum ihren dritten Roman vor. Der erste Roman eine historische Biografie eines Renaissance-Architekten, der zweite ein Dystopie-Thriller (vor der letzten Wahl!) in einem rechts-populistisch regierten Österreich, ist der dritte nun ein Kriminalroman, der das Genre allein schon mit der Festlegung auf ein scheinbar dafür völlig ungeeignetes Ermittlertrio auf den Kopf stellt.
Olga als Initiatorin im Rollstuhl ist notgedrungen der Kopf, doch Adrian als harmoniesüchtiger, weil sehr ängstlicher Grabredner ist nicht nur zum Schieben gut, sondern vermag Höhenflüge zu erden und einen zuweilen notgedrungen freundlichen Umgang mit Polizeibeamten pflegen. Kiki hingegen bringt viel Spontaneität mit, die nicht selten etwas vorwärts bringt, aber auch für mörderische Katastrophen sorgen kann. Alle drei sind nicht auf den Mund gefallen, und so entspinnen sich zwischen ihnen immer wieder schlagfertige Dialoge, bei denen jede/r mal das letzte Wort hat. Die Handlung wird aus den einander abwechselnden Perspektiven der drei erzählt und lebt trotz ihrer ja eher traurigen Hintergründe sehr von Humor und Situationskomik, die sich bis zum Slapstick steigert.
In Balance gehalten wird der Roman von den durchaus realistischen Auswirkungen der derzeitigen Regierung in Österreich, die ihre Anhänger mit sehr kurz greifenden Argumenten Vorurteile und Gewaltphantasien ausleben lässt. Dem setzt die Autorin gleich ihrer Heldin Olga so optimistisch wie trotzig ein genaues Hinsehen und notwendiges Nachdenken, Freundschaft und nicht zuletzt Widerstand entgegen. Das schützt nicht vor Enttäuschungen, auch untereinander nicht, und kann auch lebensgefährlich sein, aber dass am Ende die alle überraschende Wahrheit eine echte Chance hat, lohnt den Aufwand allemal.
Und nicht zuletzt die Lektüre dieses preisverdächtigen Romans, der einmal mehr das außergewöhnliche Talent dieser Autorin beweist. Ihren originellen Plot entfaltet sie anhand wunderbar treffend gezeichneter Charaktere zu einem spannungsgeladenen Krimi, der voltenreich viele Genregrenzen sprengt und so nicht nur ausgezeichnet unterhält, sondern auch den Horizont erweitern hilft. Lesen!

Weitere Besprechungen zu Werken von Gudrun Lerchbaum siehe:
Gudrun Lerchbaum: Lügenland (2016)
Gudrun Lerchbaum: Wo Rauch ist (2018)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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